Montag, 6. Februar 2017

Montagsbild: das "Kleine Haus"

Herkunft des Bildes: http://www.dein-darmstadt.de/bilder/alle

Das Kleine Haus war ursprünglich eine Reithalle und bis zur Brandnacht eines der ältesten Theatergebäude Deutschlands. Es brannte nieder, wäre jedoch, wie andere Gebäude, wieder rekonstruierbar gewesen.

Trotz Widerstands aus der Bevölkerung, die mit 18.000 Unterschriften den Wiederaufbau des Theaterensembles forderten, fiel das Theater dem Neuerungswahn zum Opfer.

Ein früherer Planungsdezernent warf den Darmstädter Abrißbirnen später einmal vor, "Krieg gegen geschichtliche Denkmale" geführt zu haben und noch immer zu führen. "Sozialistische Intoleranz gegenüber feudalen Bauwerken" sei ausschlaggebend dafür gewesen, dass "die Stadt Darmstadt und das Land Hessen in der Vergangenheit wichtige historische Bauten verkommen ließen und dem Erdboden gleichmachten".

So kann man das sagen.

Sonntag, 5. Februar 2017

Sonntagsbild

Hoftheaterplatz und Paradeplatz Ende 19. Jhdt.
Das Ensemble Paradeplatz und Hoftheaterplatz Ende des 19. Jahrhunderts tauschten die Darmstädter in den 1970iger Jahren gegen Stadtautobahn und Parkbunker ein.

Das Bild zeigt links noch das Exerzierhaus (Zeughaus), das 1892 abgerissen und an dessen Stelle das Landesmuseum erbaut wurde. Die Photographie muß also aus der Zeit vor 1892 stammen.

Samstag, 4. Februar 2017

Zehntausend Wohnungen: die Rückkehr der Mietskaserne.

Zilles Darstellung des anmutigen Millieus der Berliner Mietskaserne

Die Kandidaten für das Amt des Darmstädter Oberbürgermeisters überschlagen sich derzeit mit ihren Angeboten. Unter 10.000 Wohnungen geht gar nichts. Die schwarzgrüne Koalition hat die Marke gesetzt.

Zunächst: Fehlt in Darmstadt wirklich Wohnraum? Eigentlich nicht. Der Durchschnitts-Darmstädter lebt heute mit 42 qm Wohnfläche auf doppelt so großem Fuß wie in den 60igern. Die Durchschnittsbelegung betrug 2006 nur noch 0,47 Personen pro Raum (1968: 0,71). Auch im Vergleich zu anderen Großstädten ist das viel. In Frankfurt sind dies, je nach Stadtviertel zwischen minimal 25 maximal 47 qm. Grund für diese gewissermaßen unwirtschaftliche Nutzung des vorhandenen Wohnraums ist u.a. die Hohe Zahl der Einpersonenhaushalte, die in der Innenstadt mehr als 60% Anteil haben.

Fragt man bei den Programmmachern nach, wo die Wohnungen gebaut werden sollen, werden die Aussagen dünn. Nur wenige wagen sich, zu sagen, was das bedeutet. Nachverdichtung heißt das Zauberwort, aber konkrete Beispiel fehlen.

Mir sind die Beispiele bekannt. Ich habe in mehreren Fällen gegen solche "Nachverdichtungen" geklagt. Zum Beispiel an der Gardistenstraße, wo ein Neubau gegen die Vorgaben des BPlans verstieß, der verlangte, daß das historische Ensemble der Gardistenhäuser aus denkmalschützerischen und städtebaulichen Gründen nicht tangiert werden dürfe.

Die Mandantin ließ sich "rauskaufen", das Ergebnis, das sämtliche Vorgaben des BPlans verletzte, kann man nun besichtigen. Mit Billigung der damals grünen Planungsdezernentin Lindscheid und gegen den Widerstand der Anwohner, die viel Geld in die denkmalsgerechte Renovierung der Gardistenhäuser gesteckt haben wurde in der brutalstmöglichen Weise "nachverdichtet".

Die zum neuen Dogma erhobene Nachverdichtung wird die Wohnqualität erheblich verschlechtern. Wo ein dreistöckiges Gebäude stand, steht nun ein fünfstöckiges, wo Parkplatz fehlte, ist er nunmehr nicht mehr vorhanden. Bei der Sanierung des Martinsviertels hat man die Blöcke entkernt, um mehr Luft, Licht und Sonne für den Wohnbestand zu schaffen und nun retour? Mietskasernenbau im Stil der "Jahrhundertwende"? Hinterhäuser, die den Vorderhäusern, Licht Luft und Sonne nehmen?

Das Ergebnis wird dazu führen, daß demnächst überall Kranichstein sein wird, weil in den "verdichteten" Vierteln die Wohnqualität sinkt, die Attraktivität nachläßt, die Besserverdienenden wegziehen.

Außerdem setzt das Baurecht enge Grenzen. Oder auch nicht. Man kann das Baurecht, wie oben beschreiben, ja auch einfach ignorieren.

Der neue Baugebietstyp des "Urbanen Gebiets" (§ 6a BauNVO) soll Wohnraum in hochverdichteten Innenstädten schaffen. Man wird sich da das neue Wohnbürohaus vorstellen können mit einem dutzend Geschossen oder mehr. Das Menglerhochhaus und die überzähligen Bürobauten bieten sich an.

Ganz besonders sinnig ist - auch das findet sich in den Vorschlägen -die Idee der Bebauung des Marienplatzes mit Wohnungen. Dieser Platz ist in Wahrheit das Gelände der ehemaligen Dragonerkaserne. Der Marienplatz lag östlich der Heidelberger, wurde aber unter dem Betongebirge des Landestheaters begraben. Der ehemalige Palaisgarten wurde durch das Luisencenter überbaut. Als Ausgleich sollte der neue Marienplatz eine Grünfläche werden.

Die Lösung liegt u.a. im Wiederaufbau - noch immer gibt es zahlreiche Häuser in der Innenstadt, wo nach dem Krieg nur ein oder zwei Geschosse wiederaufgebaut wurden, in der Verbesserung der Wohnqualität (wer baut schon Wohnungen am "Cityring") und in der Verbesserung des Verkehrssytems, damit Wohnen im Umland attraktiver wird. Da ist nämlich noch Fläche vorhanden.

Die Lösung liebt vor allem in einer dichteren Bewohnung, nicht einer dichteren Bebauung. Es braucht also Anreize dafür, etwa dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind, eine kleinere Wohnung zu suchen.

Auch hier wäre der Mut zur Wahrheit bitter nötig. Die innerstädtischen Wohnbauflächen für den Wohnbau sind praktisch nicht vorhanden, will man nicht auch noch die letzte Freifläche zubauen. Die Nachverdichtung führt zur Verschlechterung der Wohnqualität, die Mietskaserne ist kein heiß begehrter Wohnort.

Schließlich ist in Darmstadt selbst sanierter Altbau-Wohnraum unter 9 Euro netto/Kalt nicht zu bekommen. Ohne massive Subventionierung läuft also gar nichts, will man die soziale Segregation vermeiden.

Darmstadt muß über den Tellerrand, sprich die Stadtgrenze schauen, der Wohnungsneubau ist in Darmstadt zu Ende.

Freitag, 3. Februar 2017

"Die revolutionäre Karriere"

Max

Nachdem ich am Wochenende mit gravierenden Symptomen im Krankenhaus gelandet bin, und festgestellt habe, daß mich die ständigen Angriffe gegen meine Person, außerparteilich und innerparteilich doch krank machen - ich hielt mich für unverletzlich - erinnerte ich mich daran, welchen Spruch ich in meinem Studentenzimmer an der Wand hängen hatte.
Die revolutionäre Karriere führt nicht über Bankette und Ehrentitel, über interessante Forschungen und Professorengehälter, sondern über Elend, Schande, Undankbarkeit, Zuchthaus ins Ungewisse,das nur ein fast übermenschlicher Glaube erhellt. Von bloß begabten Leuten wird sie daher selten eingeschlagen. (Max Horkheimer, Dämmerung)
Meine spätere Frau hat sich furchtbar erschreckt, als sie diesen Zettel gesehen hat. Aber vielleicht werde ich noch immer vom selben Geist angetrieben. 

Max Horkheimer ist einer der mutigsten und unverblümtesten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt hat. Ich bin kein Anhänger der "Kritischen Theorie", aber auf meinen Professor Max lasse ich nichts kommen. Hier Max H. im O-Ton.
Und außerdem hat der Marx gar nicht gesehen, daß Freiheit und Gerechtigkeit dialektische Begriff sind. Je mehr Freiheit, desto weniger Gerechtigkeit. Und je mehr Gerechtigkeit, desto weniger Freiheit.
Das hätte ein Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn auch nicht anders gesagt. Wirklich kluge Menschen treffen sich immer in der selben Erkenntnis.

Donnerstag, 2. Februar 2017

Wie Faulheit, Dummheit und Geldgier Darmstadt ein zweites Mal zerstörten.

"Schloßgarage" und Hoftheater 1970 ff.

Dieses Bild vereint in sich alles, was aus einer Stadt einen Trümmerhaufen macht, Ignoranz, Geldgier, Vetternwirtschaft und Filz.

Den Bauherrn der "Schloßgarage", die gleichzeitig in ihrem rückwärtigen Teil ein von Staatsgeldern subventionierter Atom-Bunker ist, kannte ich noch gut. Eigentlich kannte den jeder, weil er mit seinem Mercedes 600 liebend gerne in der Innenstadt spazierenfuhr, damit auch keiner übersah, daß er das dickste Auto der Stadt besaß.

Mit hundertausenden Mark bedachte Jakob Mengler die damals mit absoluter Mehrheit regierende SPD und die Stadt und vergaß natürlich auch die "Opposition" nicht, die CDU.

Er vergaß allerdings auch nicht, seine Spenden zurückzufordern, wenn nicht so abgestimmt wurde, wie erwartet und gewünscht.

Bequem für den Darmstädter Politfilz, profitabel für Mengler, denn  die Kommune ließ bauen, statt selbst die Hand zu rühren, und Jakob Mengler verdiente mit dem Garagen-Monopol in der Stadt, daß er sich auch noch vertraglich gegen die Konkurrenz absichern ließ, weit mehr, als an "Spenden" wieder zurückfloß. Wer sich heute über mangelnde Parkplätze in der Innenstadt ärgert, sollte wissen, daß sich Mengler zusichern ließ, daß 500 Meter um seine Garagen ein Parkverbot zu gelten habe.

Daß gleichzeitig die Innenstadt in eine Betonwüste verwandelt wurde, daß die Prachtstraße Wilhelminenstraße in Beton ersoff, daß die Plätze Darmstadts einer nach dem anderen Ihr Flair und ihr Grün verloren, störte den "Baulöwen" überhaupt nicht, und den bräsigen OB Dr. Ludwig Engel erst recht nicht.

Sozial- und Christdemokraten nickten alles ab, sprang doch für die Parteikassen stets noch etwas ab.

Die einzigen, die protestierten, war ein kleines Häuflein Jusos, zu denen ich mich damals zählte, und ein tapferes Bündnis engagierter Bürger. Die erste Demonstration, an der ich in Darmstadt mit süßen siebzehn teilnahm, richtete sich gegen den Bau einer Villa für Dr. Ludwig Engel im Landschaftsschutzgebiet an der Rosenhöhe. 

Kann man ja verstehen, daß man ein bissel Grün vor der Tür haben möchte, nachdem der Geschäftspartner die ganze Innenstadt in eine einzige Betonwüste verwandelt hat.

Das Luisenzentrum ist in meinen Augen das ganz sicher häßlichste Kaufrathaus der Welt gewesen, vielleicht nicht objektiv, aber weil unter diesem verqueren Bunker mein geliebter Palaisgarten verschwand, zumindest subjektiv. Der Inhaber des feinsten Ladens am Palaisgarten, Ludwig Bergsträßer versuchte noch, Geist und Sachverstand in der Stadt gegen dieses Vorhaben zu mobilisieren, es hat nichts gefruchtet. Kommerz und Filz waren stärker.

Bergsträssers kleine Broschüre "Armes Darmstadt, Deine Plätze" habe ich noch. Sie ist von meinem Mentor, dem Sozialdemokraten Ernst Theodor Mohl unterschrieben, von Diplomingenieuren, Professoren und Doktoren, auch von der hochdekorierten Darmstädter Schriftstellerin Gabriele Wohmann. Gegen das Bündnis von Dummheit und Gier, personifiziert in dem Ignoranten Ludwig Engel und dem Betonkopf Mengler kam der feine, alte Herr Ludwig Bergsträsser nicht an.

Bei der Einweihung des "Luisenzentrums" flogen Eier und Tomaten. Es war ein feierlicher Moment.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Raub der Flammen. Die Liberale Synagoge.


Die Liberale Synagoge

Architektonisch gesehen wirkte die Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde - die sich ausdrücklich und wörtlich als assimilierte Fraktion des deutschen Judentums verstand - paradoxerweise weit orientalischer als die im Jugendstil errichtete orthodoxe Synagoge.

Mitten in der Stadt erinnerte ein Bauwerk an die orientalischen Wurzeln der westeuropäischen Kultur. Das Gebäude überragte die umgebende Bebauung und war damit neben der Johanneskirche eines der Wahrzeichen des nach dem jüdischen Unternehmer und Mäzen benannten Blumenthal-Viertels.

Die liberale Synagoge wurde in der "Reichskristallnacht" niedergebrannt.

Auch das christliche Wahrzeichen des Blumenthal-Viertels, die Johanneskirche, wurde wenige Jahre später durch Bomben zerstört und brannte nieder. Der Brand hatte sich durch die Stadt gefressen.

So die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig. Ob aber nun etliche von den Zweigen ausgebrochen sind und du, da du ein wilder Ölbaum warst, bist unter sie gepfropft und teilhaftig geworden der Wurzel und des Safts im Ölbaum, so rühme dich nicht wider die Zweige. Rühmst du dich aber wider sie, so sollst du wissen, daß du die Wurzel nicht trägst, sondern die Wurzel trägt dich. (Paulus, Römer 11-18)

Darmstädter Trauerspiele I: Verpaßte Chancen

Stadtkarte 1949

Dieser Ausschnitt aus einer Stadtkarte von 1949 zeigt das baulich gesicherte Hoftheater noch als "Großes Haus". Der Durchbruch der Zeughaus-Straße zur Bleichstraße und damit die Stadtautobahn ist noch nicht vorhanden, auch die Landgraf-Georg-Straße hat noch die bescheidenen Dimensionen der Vorkriegszeit. 

Über die Hochschulstraße gibt es noch eine direkte Verbindung des Watzeviertels zur Innenstadt, die breite Schneise der "Holzstraße", unter der Teile der Altstadt verschwinden ist noch nicht zu erkennen.

Doch das  Land Hessen enteignete das Gelände der Altstadt und begräbt nicht nur das Altstadtareal unter den banalen Zweckbauten der TH, auch das Alte Hoftheater, das als Kleines Haus fungiert, wird nicht wiederaufgebaut, auf dem Gelände entsteht später das Audimax und das sturzlangweilige Verwaltungsgebäude der TH. 

Die Altstadt wird endgültig begraben. Das Hoftheater bleibt lange Zeit Ruine und wird schließlich - mangels eines für den Betrieb notwendigen "Kleinen Hauses" einer  "toten" Nutzung zugeführt - dem Lageplatz alter Folianten und staubiger Akten, beschönigend als "Haus der Geschichte" bezeichnet.

Haus der Geschichtslosigkeit wäre angemessener gewesen.

Eine einzigartige Quelle Darmstädter Geschichte in Form alter Stadtkarten findet sich übrigens hier.